Klima Kultur
Landschaft

Temperaturen steigen, Extremwetterereignisse nehmen zu, Niederschläge verlagern sich in die Winterzeit und die Vegetationsperiode wird länger. Aber nicht nur der Klimawandel stellt die bisherige Praxis der Landwirtschaft vor grundlegende Herausforderungen, sondern auch die gesellschaftlichen Veränderungen und die steigende Abhängigkeit von globalen Entwicklungen. Eine zukunftsfähige Landwirtschaft muss daher künftig mehrdimensional gedacht werden, um sich den Veränderungen anzupassen, aber auch um Klimaschäden zu minimieren und gleichzeitig wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Konsequenz dieses mehrdimensionalen Transformationsprozesses ist die Neubewertung unserer Landwirtschaft, ihrer Funktion, Nutzung, Produkte und Akteur:innen. Gefragt sind nicht nur die Landwirt:innen allein, sondern wir als Gesellschaft.

Am Beispiel von Kannawurf, einer Gemeinde im Thüringer Becken, wurde dazu ein landwirtschaftliches Zukunftskonzept entworfen, das ökologische, ökonomische und soziokulturelle Strategien gleichermaßen betrachtet. Entstanden ist ein Zukunftsbild für eine klimagerechte Landwirtschaft des 21. Jahrhunderts, dass mit neuen Klimalandschaftstypologien, einem überbetrieblichen Fruchtfolgenmanagement und mit künstlerischen Interventionen die Land(wirt)schaft anders in den Blick nimmt.

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Ökonomie: Status Quo
Ökonomie

Welchen Einfluss hat die Gesellschaft auf die Entwicklung der Landwirtschaft?

Entwicklungen der Motorisierung, der Kunstdüngung und im chemischen Pflanzenschutz veränderten seit den 1950er Jahren in nur wenigen Jahrzehnten die Agrarwirtschaft nach den Grundprinzipien der industriellen Produktion und damit auch das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, Stadt und Land. Der Arbeitsaufwand reduzierte sich um mehr als 90 Prozent, der Anteil der Erwerbstätigen in der Land- und Forstwirtschaft ist von 40 Prozent auf weniger als zwei Prozent geschrumpft. Gleichzeitig ist die Produktivität gestiegen: Ernährte ein Landwirt vor etwa 100 Jahren noch vier Menschen, sind es heute fast 140.

Mit der Schrumpfung landwirtschaftlicher Arbeitskraft durch die Modernisierung setzte auch die Abwanderung von Arbeitskräften in die Städte ein. Landflucht ist schon ein Thema des frühen 19. Jahrhunderts, als sich arme Bauernfamilien, befreit von der Feudalherrschaft, aber ohne Grundbesitz, in ein vermeintlich besseres Leben in die Stadt aufmachten. Mit dem „Strukturbruch“ in den 1960er Jahren geriet die Abwanderung aus dem ländlichen Raum erneut in den Blick, der man diesmal mit einer Modernisierung der sozialen, kulturellen und technischen Infrastruktur entgegenzuwirken versuchte. Mit der Jahrtausendwende und den anhaltenden Innovationen in den Arbeits- und Wirtschaftsstrukturen, setzte die Abwanderung erneut ein. 

Heute ist die Gewinnung qualifizierter Arbeitskräfte und Unternehmensnachfolger:innen eine der größten Herausforderungen. Knapp die Hälfte der landwirtschaftlichen Einzelunternehmen in Thüringen werden von 55-jährigen oder älteren Betriebsinhaber:innen geführt. Bei ¾ der Betriebe ist die Weiterführung des landwirtschaftlichen Betriebes ungewiss oder es gibt keine Nachfolger:innen. Gründe dafür liegen in veränderten Lebens- und Arbeitsansprüchen sowie an den teilweisen geringen Verdiensten vor allem als Angestellte. Gleichzeitig stellt der Zugang zu eigenem oder gepachtetem Land ein erhebliches Problem vor allem für Junglandwirt:innen dar. Die Betriebe und Flächen sind oft zu groß und die Übernahmen und Preise zu teuer.

Das wertvolle Gut Boden ist stark begehrt. Energie- und Nahrungsmittelproduktion, der Siedlungs-, Gewerbe-, Logistik- und Straßenbau, der Naturschutz, der Hochwasserschutz, der Landschafts- und Ressourcenschutz und der Tourismus konkurrieren darum. Nach Europäischer Vereinbarung soll der tägliche Zuwachs der Siedlungs- und Verkehrsflächen in Deutschland bis 2020 auf 30 Hektar zurückgehen. Das Ziel für Thüringen wäre dementsprechend eine Reduktion des täglichen Zuwachses auf circa 1 Hektar. Bis 2004 wurde dieser Zielwert erreicht, seitdem steigt er an. In 2019 lag der Wert bei 1,9 Hektar/Tag. Den größten Verlust an Fläche verzeichnen dabei die Wiesen- und Weidenflächen.

Von den 16.202 Quadratkilometern an Bodenfläche Thüringens sind rund 54 Prozent Landwirtschaftsfläche. Mehr als die Hälfte der Landwirtschaftsfläche Thüringens wird von 6 Prozent der Betriebe bewirtschaftet. Diese verfügen über eine durchschnittliche Flächenausstattung von 1.000 Hektar und mehr, die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei 1.785 Hektar. In Thüringen weicht die Agrarstruktur infolge der historischen Entwicklung vom Bundesdurchschnitt ab. Im heutigen Freistaat wurde in den 1950er Jahren die erste Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) der DDR gegründet – eine zunächst freiwillige, später Zwangskollektivierung der Bauern, die zu einer Umstellung der bäuerlichen hin zu einer sehr großflächigen, industriellen Landwirtschaft in der gesamten DDR führte. So ist in Thüringen mit 209 Hektar Landwirtschaftsfläche die mittlere Betriebsgröße knapp dreimal so hoch wie der Bundesdurchschnitt mit 60 Hektar/Betrieb.

Der landwirtschaftliche Bodenmarkt ist deutschlandweit von steigenden Grundstücks- und Pachtpreisen geprägt. Preistreibende Faktoren sind die internationale Niedrigzinspolitik, die steuerrechtliche Begünstigung von Anteilskäufen sowie die an Höchstpreisen orientierte Privatisierung von Flächen durch die Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG). In Thüringen sind gleichzeitig von den 774.830 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche circa 75 Prozent Pachtflächen. In den neuen Bundesländern konnten Flurbereinigungsverfahren bislang nicht flächendeckend erfolgen. Mit Hunderten von Pächter:innen müssen in regelmäßigen Abständen immer wieder Einzelpachtverträge ausgehandelt werden. Das führt zu ökonomischer Unsicherheit, weniger Flexibilität in der Erprobung neuer Anbaumethoden oder langfristiger Umstellungen. Zudem bedeutet es einen hohen Kommunikationsaufwand. Abhängig von der regionalen Bodenwertlage fließt indirekt ein Teil der EU-Direktzahlung deshalb an die Verpächter und nicht an die Landwirt:innen.

Beziehungen zur eigenen Scholle. Peter Moltmann im Gespräch mit den Kannawurfer:innen

Beziehungen zur eigenen Scholle. Peter Moltmann im Gespräch mit den Kannawurfer:innen

Foto: Peter Moltmann

„Mein Ur-Großvater zum Beispiel war Fuhrunternehmer. Der hat damals in Kannawurf schon Äcker bestellt für Leute, die in Sömmerda in der Industrie gearbeitet haben. Die also auch Anfang des 20. Jahrhunderts schon gar nicht mehr die Zeit hatten. Die haben dann zwar mitgeholfen bei der Ernte, aber den Großteil haben Leute wie mein Ur-Großvater gemacht.“ Thomas Flemming

Die Veränderungen in Landwirtschaft und Landschaftsbild stehen in Wechselwirkung mit dem sozialen und ökonomischen Wandel. Während bis zur Industrialisierung die Landwirtschaft vor allem der Selbstversorgung diente, arbeiteten schon Anfang des 20. Jahrhunderts viele Kannawurfer in Fabriken der Umgebung. Trotzdem gab es bis nach dem II. Weltkrieg viele Kleinbauern. Ab 1960 traten die meisten teils freiwillig, teils unter Zwang, in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) ein und hörten auf, das eigene Land zu bestellen. Trotzdem lieferte die Subsistenzwirtschaft in der DDR ein wichtiges Zubrot. Peggy Hessler erinnert sich gerne daran, wie ihre Familie ein kleines Stück Land an der Wipper bewirtschaftete. „Meine Großeltern hatten damals einen Garten vorm Wipperdamm und noch ein Stückchen Land dahinter, wo wir dann immer Knoblauch oder Zwiebeln oder Runkeln angebaut haben. Das wurde in die Sammelstellen gebracht. Das kenne ich auch noch, dass wir da immer mit rumgesprungen sind. Das war richtig schön.“

Die selbst erzeugten Produkte dienten nicht nur der Selbstversorgung, sondern wurden auch in die Städte geliefert. Staatliche Subventionen ermöglichten Klein- und Hobbybauern gute Erlöse. Ein Kilogramm Kirschen brachte zwei Mark und ein Ei einen Groschen, erinnert sich die 1957 geborene Brita Hochheim, die wie Elisabeth Ernst in den 1980er Jahren in der Buchhaltung der LPG "Neues Leben" arbeite. „Für ein Kaninchen hast du 50 Mark gekriegt. Mehr Geld, als du im Laden bezahlt hast.“ Dieser Nebenerwerb endete jäh mit der Wiedervereinigung. „Weil keiner mehr welche wollte,“ sagt Brita. „Wo wolltest du hin damit?“ Von ihren etwa 240 Kollegen bei der LPG mit ihren drei Standorten in Kannawurf, Sachsenburg und Bilzingsleben, schätzt Brita Hochheim, wurden in den 1990er Jahren über 200 entlassen. Auf die eigenen Felder kehrten einige, aber nicht viele zurück.

Wie wird in der Landwirtschaft heute gearbeitet?

Die über Jahrhunderte alte integrierte Tier- und Feldwirtschaft als standortabhängige, nachhaltige Kreislaufwirtschaft wurde zugunsten einer industriellen Produktion unter Einsatz externer Dünge-, Pflanzenschutz- und technisch-motorisierter Mittel ab den 1960er Jahren aufgebrochen. Die Feldarbeit wurde damit stark vereinfacht, die Produktivität gleichzeitig erhöht und der Wohlstand der Landwirt:innen gesteigert.

Weil der Leguminosenanbau für den Tierbetrieb und damit Gülleproduktion durch neue mineralische Düngemittel ersetzt wurde, konnte die Viehhaltung von der betrieblichen Eigenerzeugung entkoppelt werden. Die Höfe entwickelten sich so zu reinen Ackerbau- oder reinen Viehbetrieben. Im weiteren Verlauf ist so eine hochproduktive und spezialisierte Landwirtschaft für einen globalen Massenmarkt entstanden. In Thüringen werden beispielsweise 80 Prozent der Schweine von reinen Tierbetrieben gehalten, die durchschnittlich einen Schweinebestand je Betrieb von 14.445 Tieren haben.

Die Agrarwirtschaft ist heute Produzent und Konsument für den globalen Markt gleichermaßen. So wird das (patentierte) Samengut für die Gemüsepflanze in Asien produziert, die Jungpflanze wird in Holland angezogen, der Humus stammt aus Russland und der Mineraldünger aus Osteuropa genauso wie ein Teil saisonaler Arbeitskräfte. Das gleiche Prinzip gilt für die Lagerung, die Weiterverarbeitung, die Logistik bis hin zum Verkauf.

Mit fahrerlosen Traktoren, eigenständigen Melk-und Stallrobotern, der zunehmend virtuellen Vernetzung aller Arbeitsprozesse im Betrieb bis hin zu Genetic Engineering ist die Zukunft auf dem Acker längst Realität. Unter dem Begriff „Precision Farming“ wird eine landwirtschaftliche Arbeitsweise bezeichnet, einen Acker nicht einheitlich zu bearbeiten, sondern kleinste Teilflächen und pflanzenbezogen genau nach Bedarf. Sensoren bestimmen den Bodentyp und den Nährstoffgehalt, Drohnen erfassen den Ertrag und Schäden, Computerprognosemodelle zeigen Szenarien von Schädlingsbefall auf und kamerageführte Geräte jäten präzise Unkraut. Der Landwirt wird zum IT Experten.

Vom Verschwinden der lokalen Geschäfte. Peter Moltmann im Gespräch mit den Kannawurfer:innen

Vom Verschwinden der lokalen Geschäfte. Peter Moltmann im Gespräch mit den Kannawurfer:innen

Peter Moltmann

„Man verbindet mit Landwirtschaft: Gemüse muss billig sein. Aber so ist es ja gar nicht. Es steckt so viel Arbeit und auch so viel schwere körperliche Arbeit drin.“ Elisabeth Henfling

Seit der Wiedervereinigung haben in Kannawurf viele Geschäfte aufgegeben. Von drei Bäckereien ist nur noch die Bäckerei Surber übrig. Die Filiale der Fleischerei Holzapfel schloss 2018. Das Lebensmittelgeschäft Gonnermann drei Jahre vorher. Gerade die Älteren leiden unter dem Verlust. Er wird zwar durch fahrende Fleischer- und Bäckereien abgefedert, diese haben aber auch zum Verschwinden der Geschäfte beigetragen. Jetzt gibt es neben der Bäckerei noch den Baumarkt Hirsch, den Landwarenhandel der Schaumburgs und die Gärtnerei Vogt.
Dreiviertel von 1,5 Hektar Freifläche der Gärtnerei liegen brach. Früher war das anders. „Gemüse vor allem, Obst weniger. In den 1970er Jahren bis Ende der 1980er Jahre, da haben wir Blumenkohl angebaut, Kohlrabi. Sellerie war fast so ne ganze Seite, wie hier die Gartenseite ist. Freilandgurken noch, schon im großen Stil," rekapituliert Elisabeth Henfling, Leiterin des Familienbetriebs in der vierten Generation.

Nur ein geringer Teil des Gemüses wurde damals im Dorf verkauft. Ein größerer Teil vertrieb die Gärtnerische Produktionsgenossenschaft in den näheren Städten, der Rest ging über die Sammelstellen in die Bezirkshauptstadt Halle (Saale). Seit den 1990er Jahren aber schwanden die Abnehmer. Die Genossenschaft zerfiel und die Sammelstellen schlossen. Seit dem Bau der Autobahn fehlen auch die Pendler, die auf dem Heimweg in die umliegenden Ortschaften an der Gärtnerei hielten. Die neuen Supermärkte waren an den geringen Produktionsmengen der Gärtnerei nicht interessiert, gewannen aber die jungen Leute, die keine Subsistenzwirtschaft mehr betrieben als Kunden.

Auch der Bevölkerungsrückgang senkte die Nachfrage in den Geschäften vor Ort. „Die alten Leute sind weniger geworden, und die jungen Leute bringen sich ihre Sachen von unterwegs mit,“ sagt Bettina Gonnermann, die gemeinsam mit ihrem Mann Egbert von 1990 bis 2015 den Lebensmittelladen in der Großen Mühlstraße betrieb. Die individuellen Zukunftspläne der Kinder sind ein weiterer Grund für das Verschwinden von Familiengeschäften. So ist die Zukunft der Bäckerei ungewiss. Auch die Gärtnerei sucht möglicherweise einen neuen Nachfolger, seitdem der Sohn an die Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau in Erfurt gewechselt ist. Gemüse produziert sie heute in kleinen Mengen. Ihren Umsatz macht sie mit Blumen und Jungpflanzen.

Wer verdient an der Landwirtschaft?

Die fünf größten Unternehmen – Edeka, Rewe, Schwarz-Gruppe, Aldi und Metro – vereinen knapp 76 % Marktanteil auf sich. Die Unternehmenskonzentration ist hoch und der Qualitäts- und Preiswettbewerb wird von den Unternehmen bestimmt. Seit Jahren liegen in Deutschland die Preise unter dem EU-weiten Durchschnitt, obwohl das Pro-Kopf-Einkommen im Vergleich deutlich höher ist. Die geringen Ausgaben für Nahrungsmittel befördern die Wertschätzung gegenüber der heimischen Landwirtschaft und Produktion nicht.

In den letzten Jahren ist das Interesse der Verbraucher:innen an regionalen Lebensmitteln gestiegen und mit Ihnen die Chance, wieder eine neue Verbindung zwischen Produzent und Konsument aufzubauen. Mit dem Qualitätszeichen „Geprüfte Qualität aus Thüringen“ wurde dazu bereits eine Lizenz in Thüringen entwickelt. Anliegen ist es, die Möglichkeiten zur Bildung regionaler Wertschöpfungsketten in Thüringen optimal auszuschöpfen, die landwirtschaftlichen Erzeuger zu stärken und den regionalen Rohstoffanteil für Nahrungsmittel auf 90 % zu erhöhen.

In Thüringen wird aber kaum noch verarbeitet, was auch angebaut wurde. Der Ver- und Einkauf erfolgt über den Weltmarkt, was dazu führt, dass das Preis-Mengen-Verhältnis auch bei schlechten Ernten außer Kraft gesetzt ist. Die qualitätswichtige und wertschöpfungsintensive Verarbeitung von Rohstoffen findet wiederum andernorts statt. Zur Schließung der Lücken in diesen Verarbeitungs- und Wertschöpfungsketten und zur Stabilisierung der Preisentwicklung wird bereits seit einigen Jahren u.a. mit Initiativen wie dem Projekt CLET (Cluster Land- und Ernährungswirtschaft Thüringen) und mit dem Thüringer Qualitätszeichen gearbeitet.

Lebensmittelproduzenten im 200 km Umkreis von Kannawurf

Aussagen zum Verdienst der selbstständigen Landwirt:innen sind schwierig, da das Einkommen stark von der Wirtschaft und der Regionalität des jeweiligen Betriebes abhängt und keine weiteren Einkommensquellen wie Energieerzeugung etc. berücksichtigt werden. Laut Statistischem Bundesamt erhalten wiederum Angestellte in der Landwirtschaft in Deutschland etwa die Hälfte von dem, was der Durchschnittsangestellte – im Jahr 2017 etwa 35.000 Euro brutto – verdient. Etwa die Hälfte des Einkommens landwirtschaftlicher Angestellter wird dabei aus Zuschüssen und Direktzahlungen der EU-Agrarförderung bestritten.

Über Gestaltungsspielräume. Peter Moltmann im Gespräch mit den Kannawurfer:innen

Über Gestaltungsspielräume. Peter Moltmann im Gespräch mit den Kannawurfer:innen

Peter Moltmann

„Bei der Bewerbung werden verschiedene Kriterien berücksichtigt. Ortsansässigkeit, Kirchenzugehörigkeit, Pachtpreis. So grob jetzt. Und die Kirchengemeinde kann seit zwei Jahren einen, sag ich mal, Favoritenpunkt vergeben.“ Brita Hochheim

Landwirte und Politiker sind nicht die einzigen Verantwortungsträger für die Entwicklung der Landwirtschaft. Seit einigen Jahren beschäftigen sich Kirchengemeinden als Verpächter von Flächen in Deutschland damit, ihre Kriterien auch hinsichtlich ökologischer Vorgaben auszurichten. Von der EKM wurde zu diesem Zweck ein Favoritenpunkt eingeführt, ein weiterer betrifft soziale Kriterien. Das ist jeweils allerdings nur ein sehr geringer Anteil an der Gesamtpunktezahl. Zur Zeit verlange die EKM, so Brita Hochheim, neben der Bodenverwertungs- und -Verwaltungs Gmbh (BVVG) Thüringen, die höchsten Pachtpreise in der Region.

Gestaltungsspielraum haben auch die Gemeinden. Seitdem Kannawurf nicht mehr eigenständig ist, obliegt der Landgemeinde Kindelbrück die Verantwortung für die gemeindeeigenen Flächen. Am 17.02.2020 hat der Gemeinderat den Musterpachtvertrag und die Pachtvergaberichtline überarbeitet. Zu den Kriterien der ordnungsgemäßen Bewirtschaftung zählen das Wahren des 5-Meter-Abstandes zu Gewässern, das Einhalten der Düngeverordnung, die Erhaltung der Gräben, eine schonende Bodenbearbeitung zur Stabilisierung des Bodengefüges, der Erhalt und die Pflege von Bäumen und Hecken und das Anlegen von Windschutzstreifen, wenn dies der Vermeidung von Bodenerosion dient. Wenn der Pächter in Absprache mit der Gemeinde Maßnahmen trifft, die den wirtschaftlichen Wert des Grundstückes erhöhen, so der Mustervertrag, hat die Gemeinde Aufwendungsersatz zu leisten. Das könnte auch beim Anlegen eine Hecke der Fall sein. Die Richtlinie und das Vertragsmuster wirken wie Instrumente, die sich durchaus im Sinne der Nachhaltigkeit anwenden lassen.

Im Pächter-Punktesystem wurde der Einfluss des Pachtpreisgebots (bis dahin 8 von 12 Punkten) zwar zu Gunsten von Junglandwirten und dem Kriterium kommunaler Unterstützungsleistungen neu gewichtet, trotzdem spielt das Preisgebot mit 6 von 12 Punkten noch immer die dominante Rolle. „Die Einnahmeerhöhung,“ erläutert Thomas Meister, „ist für die Gemeinden ein wichtiger Bestandteil des Verfahrens, da Pachteinnahmen auch einen haushaltsrelevanten Teil der Einnahmen darstellen.“ Unter den niedrigen Lebensmittelpreisen wiederum leiden insbesondere Biobauern und kleinere Unternehmen wie die Gärtnerei Voigt, die auf Grund der geringen Wirtschaftsfläche auch wenig subventioniert werden. Durch bewusste Kaufentscheidungen für regional und nachhaltig erzeugte Ware, die allerdings auch Mehrausgaben voraussetzen könnten, haben auch die Verbraucher Einfluss auf die lokale Land(wirt)schaft. Dafür braucht es natürlich die Infrastruktur, die solche Kaufentscheidungen ermöglicht.

Ökologie: Status Quo
Ökologie

Welchen Einfluss hat die Landwirtschaft auf die Umwelt?

Die Motorisierung veränderte im Zusammenhang mit den mineralischen Düngemitteln und dem Pflanzenschutz den Ackerbau und die Grünlandbewirtschaftung weitreichend. Der günstige Mineraldünger ließ den Anbau von humusfördernden Leguminosen wie Klee, Luzerne und Bohnen immer weiter zurücktreten. Die durch die Auflösung der Fruchtfolgesysteme verstärkt auftretenden Probleme wie Bodenverunkrautung und Pilzerkrankungen wurden bei stetig steigendem Ertragsniveau mit chemischen Wachstumsregulatoren und Pestiziden entgegengewirkt. Der damit oft einhergehende überschüssige Stickstoff führt zu einer Beeinträchtigung der biologischen Vielfalt.

Überschüssiger Stickstoff aus landwirtschaftlichen Quellen gelangt als Nitrat in Grund- und Oberflächengewässer und als Ammoniak und Lachgas in die Luft. Lachgas trägt als hochwirksames ⁠Treibhausgas⁠ zur Klimaerwärmung bei. Im Jahr 2020 kamen nach einer ersten Schätzung 8,2 Prozent der gesamten jährlichen Treibhausgasemissionen in Deutschland aus der Landwirtschaft. Der Eintrag von Nitrat und Ammoniak wiederum führt zur Nährstoffbelastung und Versauerung aller Land- und Wasserökosysteme und damit zur Beeinträchtigung wertvoller Biotope wie Auwälder, Moore, Heiden und Meere.

Mit einem gezielten Humusaufbau im Boden lässt sich CO₂ im Boden speichern. Humus wird gebildet, indem organischer Kohlenstoff in Form von abgestorbenen Pflanzenresten von Tieren und Mikroorganismen in den Boden eingearbeitet und umgewandelt wird. Dadurch verbessert sich die Bodenfruchtbarkeit und die Wasserspeicherfähigkeit. Beeinträchtigt werden kann der Humus durch den Anbau humusmehrender oder humuszehrender Kulturen. Vorteilhaft für eine Humusentwicklung ist ein kleinflächiger Anbau, mindestens jährlicher Fruchtwechsel, Bewirtschaftung mit leichten Maschinen und Gründüngung.

Regenwürmer sind die Indikatoren für den ökologischen Zustand eines Bodens – je mehr desto besser. Ihre Leistungen bestehen in der permanenten Umschichtung der Nährstoffe im Boden, der Schaffung von Raum für die Belüftung und Aufnahme von Wasser und der nährstoffreichen Düngung des Bodens durch die Abgabe von Kot. Eingriffe in den Boden durch eine starke Bodenbearbeitung, Düngung oder Pestizideinsatz verändern die Lebensbedingungen des Bodenleittieres gravierend. Dies kann zur Verringerung der Bodenfruchtbarkeit und Wasserspeicherfähigkeit führen und damit die Bodenerosion befördern.

Landschaftswandel seit den 1960er Jahren. Peter Moltmann im Gespräch mit den Kannawurfer:innen

Landschaftswandel seit den 1960er Jahren. Peter Moltmann im Gespräch mit den Kannawurfer:innen

Peter Moltmann

„Die hiesigen Plantagen wurden geschliffen.“ Joachim Wolf

Ab den 1960er Jahren beschleunigte sich ein Prozess, der die umgebende Landschaft grundlegend veränderte. Weg von jener lockeren Struktur mit kleinen Feldern, Flutwiesen, Gärten, Plantagen und Weiden hin zu der großflächigen, zentralisierten Agrarlandschaft von heute. Pestizide waren wenig erforscht, versprachen aber hohe Erträge. Maschinen lösten Pferde und Handarbeit ab. Sie ermöglichten der LPG und dem Volksgut effizienteres Arbeiten, führten aber auch zur Vereinheitlichung des Landschaftsbildes. Während in Kindelbrück riesige Obstplantagen entstanden, spezialisierte sich die Pflanzenproduktion der LPG „Neues Leben“ auf Ackerfrüchte.

Erste Feldwege, in ihrer ursprünglichen Breite darauf ausgelegt, dass zwei Pferdefuhrwerke einander passieren konnten, verschwanden. Nach der Wiedervereinigung gab es auch in Kannawurf erstmals einen Fokus auf den Umweltschutz, erinnert sich der 1977 geborene Orthopädietechniker Silvio Reinsch. Wie in viele andere Flüsse, in die Industrie- und Haushaltsabwässer eingeleitet worden waren, kehrten auch in die Wipper die Fische zurück. In die ehemalige Kiesgrube wurden keine toten Schweine mehr entsorgt, und die benachbarte Mülldeponie wurde abgetragen. Zwischen den Feldern aber setzten sich die von Joachim Wolf beschriebenen Landschaftsveränderungen fort. Mit den Wegen fehlen, zusammen mit den ebenfalls verschwundenen Brücken über Wipper und Unstrut, viele der direkten Verbindungen in die Landschaft und zu den umliegenden Dörfern. Die Schafe verschwanden mit aus der Landschaft. Verkauft für einen Euro pro Tier, denn australische Wolle war billiger als die vor Ort geschorene.

Viele sehen die Veränderungen kritisch. Allerdings scheinen sich gerade die Älteren damit abgefunden zu haben. „Heute machen sie überall Kahlschlag,“ bedauert auch Elisabeth Ernst. Sie glaubt aber nicht, dass man zur vergangenen Landschaft, zum Beispiel zu den kleinen Feldern, zurückkehren könne. „Wer soll die bewirtschaften. Es ist niemand mehr da.“ Eher pragmatisch sehen viele Landwirte die Veränderungen. Elisabeth Henfling mag die großen Felder. Hin und wieder eine Bank dazwischen wäre schön, um den Blick schweifen zu lassen.

Welchen Einfluss hat der Klimawandel auf die Landwirtschaft?

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts stieg die weltweite Durchschnittstemperatur um rund 1 °C an, in Deutschland um 1,6 °C (UBA). In einer Studie des Thüringer Umweltministeriums wird geschätzt, dass im Freistaat Thüringen bis 2050 die Jahresdurchschnittstemperatur um bis zu 2,5 °C höher liegen kann, wobei insbesondere die Sommer deutlich wärmer werden. Die Jahresmitteltemperatur des Freistaates Ende des Jahrhunderts wäre dann mit dem heutigen Temperaturniveau von Mailand vergleichbar (IMPAKT II). Im Thüringer Vergleich wird Kannawurf den Prognosen zur Folge am stärksten von der Zunahme der Temperaturen betroffen sein.

Für Deutschland lässt sich insgesamt eine Zunahme der Niederschläge seit 1881 um etwa 10 Prozent ablesen, die vor allem in den Wintermonaten auftreten. Gleichzeitig steigt in den sommerlichen Monaten die Verdunstungsrate. In den stark landwirtschaftlich geprägten Gegenden Thüringens wird von einer Zunahme der Winterniederschläge von bis zu 40 Prozent ausgegangen, während es in den ohnehin schon sehr trockenen Sommern seltener, aber dann vermehrt zu Starkregenereignissen kommen könnte.

Die Folgen der wesentlichen Effekte der Klimaänderungen in Form von Temperaturanstieg, höherer CO2-Konzentration, veränderter Niederschlagsverteilung und Zunahme extremer Wetterereignisse äußern sich für die Landwirtschaft in längerer Vegetationszeit mit Verschiebung von Vegetationszonen. Das hat Auswirkungen auf die Wachstumsbedingungen und Konsequenzen für die Produktionstechnik wie Arten- und Sortenwahl, Bodenbearbeitung, Düngung, Pflanzenschutz oder Beregnung. Allein die Vegetationsperiode im Thüringer Becken hat sich in den vergangenen Jahren bereits um rund 20 Tage verlängert. Das mögliche mittlere Klimaszenario des Thüringer Umweltministeriums erwartet in den kommenden 30 Jahren eine nochmalige Verlängerung um weitere 20 Tage.

Seit 1955 steigt der CO2-Ausstoß kontinuierlich an und mit ihm länger andauernde, schwachwindige und sommerliche Hochdruckwetterlagen sowie Starkregenereignisse in intensiven kurzen Perioden. Niederschläge mit mehr als 10 Liter auf einem Quadratmeter können schon ab einem Gefälle von zwei Prozent Bodenerosion auslösen. Je trockener und ausgelaugter der Boden, desto höher das Erosionsrisiko. Negative Auswirkungen auf der Ackerfläche sind die Verringerung der Bodenfruchtbarkeit durch Humusabtrag, die Beeinträchtigung der Wasserspeicherung sowie Ernteausfall. Auf benachbarten Flächen und Gewässern führen die Bodenerosionen zu Verunreinigungen, Überschwemmungen und Eutrophierung. Im Sommer 2019 kam es auch in Kannawurf nach einem Starkregen zu gewaltigen Erosionen, die teilweise steile Hänge und die Bundesstraße überfluteten und verschlammten.

Prognosen und Sorgen. Peter Moltmann im Gespräch mit den Kannawurfer:innen

Prognosen und Sorgen. Peter Moltmann im Gespräch mit den Kannawurfer:innen

Peter Moltmann

„Die Unwetter werden mehr. Kannawurf war eigentlich immer verschont. In Weißensee konnte die Welt untergehen, und hier war nicht ein Tropfen Regen. Wenn Gewitter vom Westen her kommen, zieht es am Wald lang und Kannawurf kriegt nur einen kleinen Zipfel ab. Wenn die Unwetter aber von Büchel her kommen, von Süden, dann wird es hier kriminell.“ Stefan Wagner

Vor seiner Steinmetzlehre studierte Stefan Wagner Geo- und Meteorologie in Halle und Leipzig. Das Interesse an Naturphänomenen ist ihm geblieben. Er sieht eine Veränderung der Windrichtung als Ursache für die Zunahme von Unwettern. Elisabeth Henfling und Thomas Flemmig beobachten seit 10 Jahren eine Zunahme von Windstärke, Windtemperatur und ebenfalls eine Veränderung der Richtung. Statt Nordwest und Westwetterlagen seien es nun vermehrt Südwest- und Ostwetterlagen. Vor drei Jahren, erinnert sich Thomas Flemmig, habe er erstmals erlebt, dass ein Gewitter aus Osten kam. „Das wird irgendwann mal zum Alltag. Dass einmal im Jahr oder alle zwei Jahre so heftige Sachen kommen,“ glaubt auch Silvio Reinsch. „Besser wird es auf keinen Fall,“ sagt Peggy Hessler, die damit rechnet, dass man sich auf mehr Sturm einstellen muss. Und dass es Wasser in Massen geben wird, aber erst nach dem Sommer, wenn man es nicht mehr braucht.

Auf politischer Ebene herrsche Unwissenheit. Man sorge sich vor allem über Symptome, bekämpfe aber nicht deren Ursachen, kritisiert Joachim Wolf. Brita Hochheim, die von 1995 bis April 2020 in der Grundstücksverwaltung der evangelischen Kirche Mitteldeutschland arbeitete, sieht die Nöte der Landwirte. „Dieses Jahr haben schon einige angerufen, dass sie die Pacht nicht bezahlen können.“ Bei Kannawurf, sagt der junge Landwirt Johannes Hessler, sei das zum Glück noch nicht vorgekommen. Er fragt sich, ob Landwirtschaft in vielen Jahren überhaupt noch Sinn macht. „Aber es ist noch nicht so, dass man es an den Haken hängen kann.“ Peggy Hessler prognostiziert, dass die Landwirte ihren Anbau auf alternative Arten umstellen werden. Die Gärtnerei hat damit bereits begonnen. „Wenn wir kein Regenwasser mehr haben, ist es halt schwieriger geworden, im Freiland gut zu produzieren.“ Elisabeth Henfling setzt zunehmend auf Pelargonien und andere hitze- und trockenheitstolerante Sorten. Bei deren Züchtung, so die Gärtnerin, sei auch die Forschung gefragt.

Kommunikation: Status Quo
Kommunikation

Welche Rolle spielt die Landschaft?

Früher prägte die Landschaft mit ihrer Topographie, ihren Klima-, Boden- und Wasserverhältnissen das Leben der Menschen. So auch in Kannawurf. Das Dorf bedingte seine Anfänge in den landschaftlichen und klimatischen Gegebenheiten. Es liegt eingebettet zwischen dem bewaldeten Höhenzug Hainleite und dem kleinen Fluss Wipper und nahe der geschichtsträchtigen Thüringer Pforte, einem geologisch bedingten Nadelöhr zwischen zwei Höhenzügen.

Die Thüringer Pforte sorgte im Mittelalter für Überfälle der Handelsreisenden. Zu ihrem Schutz siedelten sich die ersten Schlossherren im 13. Jahrhundert an und erbauten in den nassen Talwiesen der mäandrierenden Wipper eine Wasserburg. Im 16. Jahrhundert wurde aufgrund der fruchtbaren Böden, dem günstigen Klima mit den südexponierten Hängen und der wasserreichen Wipper das Renaissanceschloss als Herrenhaus eines landwirtschaftlichen Guts erbaut.

Historische Gewannflure Kannawurf

Ein Dorf mit Gewannfluren entstand. Entsprechend der Zahl der Höfe waren die Gewanne in gleich große Streifen unterteilt, die im Flurzwang bewirtschaftet wurden. Jeder Bauer war verpflichtet, sich im Rahmen der Dreifelderwirtschaft an die abgesprochene Fruchtfolge, an die Sä- und Erntezeit zu halten. Die Gewanne waren meist zehnmal so lang wie breit, um mit dem Pfluggespann nicht oft wenden zu müssen und spannten sich jeweils zwischen zwei Feldwegen auf. Diese Gewannfluren existieren immer noch als Besitzerstrukturen, liegen jedoch heute als einheitlich bewirtschaftetes Pachtland unsichtbar in den großen Schlägen, die Feldwege sind zum größten Teil überpflügt.

Heute gilt die Region als einer der agrarischen Gunststandorte von Europa, das Thüringer Becken, an dessen Nordsostrand die Gemeinde Kannawurf liegt. Sie ist geprägt von großflächiger, intensiv bewirtschafteter Agrarlandschaft. Die Bodenwertzahlen (0–100) sind überdurchschnittlich hoch, sie betragen an den Hängen ca. 60, im Tal ca. 95. Es wird ausschließlich Ackerbau betrieben, dabei bildet der Weizen den Hauptanteil, gefolgt von Wintergerste, Mais und Zuckerrübe. Die Wipper ist heute begradigt und umdeicht, die Gewässergüte beträgt „befriedigend“, der Anteil an naturnahen Bereichen liegt im einstelligen Prozentbereich. Am südlichen Horizont drehen sich Windräder.

Kannawurf 1877

Kannawurf heute

Verschwundene Orte. Peter Moltmann im Gespräch mit den Kannawurfer:innen

Verschwundene Orte. Peter Moltmann im Gespräch mit den Kannawurfer:innen

Peter Moltmann

„Rechts und links, alles Obstbäume. Gegen Ende vom Krieg, da bin ich abends von einem Baum zum anderen gelaufen, wenn Fliegeralarm war.“ Elisabeth Ernst

Als ihre Eltern am 10. April 1924 nach der Vertreibung aus Posen nach Kannawurf kamen, war sie 10 Monate alt. Heute ist sie mit 97 Jahren die älteste Einwohnerin. Die hiesigen Veränderungen konnte die ehemalige Finanzbuchhalterin der 1956 gegründeten LPG „Neues Leben“ ein knappes Jahrhundert beobachten. Auf den Hügeln wurden in den 1930er Jahren neben Getreide alle möglichen Gemüsesorten für die Grundversorgung angebaut. Dazwischen saßen Obstplantagen wie weitere Flicken im Patchwork der Felder. Auf den Wegen weideten Schafe. Straßen und Wege waren mit Obstbäumen bepflanzt. Den kriegsgeborenen Kindern schenkten sie Vitamine. Daneben dienten sie, wie die an der Straße nach Kindelbrück, als Deckung vor feindlichen Flugzeugen. Der Fluss war noch nicht begradigt, sondern wand sich in „Schnörkeln“ durch die Ebene. Am Wehr an der Mühle lernten die Kinder das Schwimmen.

Drei Brücken verbanden das Dorf mit dem Rieth und der Aue. Das Rieth war Überschwemmungsgebiet. „Bevor der Deich an der Unstrut war, da war ein Hochwasser, das ging bis ins Frühjahr rein.“ Joachim Wolf hatte einen naturbegeisterten Lehrer, der seine Schüler auf Exkursionen einlud. „Da haben wir Wildvögel beobachtet, die gebrütet haben. Das war alles noch unter Wasser, teilweise guckten Inseln raus.“ Während die Aue schon nach dem ersten Weltkrieg für den Ackerbau nutzbar gemacht worden war, mähten die Bauern im Rieth bis in die 1960er Jahre vor allem Heu. Durch ein System aus niedrigen Deichen, Gräben und Schleusen konnten die einzelnen Haltungen kontrolliert mit Wasser versorgt werden: „Die Unstrut hatte an der Werthmühle ein Wehr. Oberhalb gab‘s ein Siel. Also einen Auslauf. Nach der ersten Mahd wurden die Flächen gewässert, um wieder den Wuchs zu forcieren.“ Die Gräben führten ganzjährig Wasser. „Wir haben da immer Molche gefangen und Stichlinge.“ Die Hechte standen in der Laichzeit so still, dass man sie vom Ufer mit einem Stock am Bauch streicheln konnte.

Welche Rolle spielen die Akteure vor Ort?

Die Entwicklung des Landkreises zeigt, dass trotz Bevölkerungsrückgang innerhalb der vergangenen Dekade im gleichen Zeitraum die Anzahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter um etwa 20 Prozent zunahm und das bei konstant hoher Vollzeitquote von über 90 Prozent. Kannawurf selbst bietet außerhalb der Land- und Forstwirtschaft und einzelnen kleinen Dienstleistern kaum sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. In der Verwaltungsgemeinschaft Kindelbrück sowie im Landkreis Sömmerda gibt es einzelne, verhältnismäßig große Industrieunternehmen. Ein Viertel der Beschäftigten pendelt bis nach Erfurt.

Industrieunternehmen im Landkreis Sömmerda

Das gesellschaftliche Leben prägen zu einem Großteil die Freiwillige Feuerwehr, ein agiler Karnevalsverein, der ortsansässigen Landwirt, die Umweltgruppe und die Neubesitzer des Schlosses. Der Karnevalsverein organisiert über die Karnevalssaison hinaus Familiennachmittage, Public Viewings, Sylvestergalas und vieles mehr. Der ortsansässige Landwirt lädt einmal im Jahr zu einem großen Hoffest ein, spendet für Dorffeste und betreibt einen Direktverkauf von Kartoffeln an seine Pächter:innen. Das Schloss wurde 2007 vom Verein Künstlerhaus Thüringen e.V. erworben, der seither mit Unterstützung das Schloss schrittweise saniert, kulturell belebt und den alten Renaissancegarten rekonstruiert.

Über Populationen. Peter Moltmann im Gespräch mit den Kannawurfer:innen

Über Populationen. Peter Moltmann im Gespräch mit den Kannawurfer:innen

Peter Moltmann

„Maikäfer. Die gab‘s nicht so oft. Die Populationen... sieben Jahre brauchen die, glaube ich. Aber Junikäfer gab‘s ohne Ende. Die sind ja ein bisschen kleiner als Maikäfer. Das hat nur gebrummt. Und ich fand, es gab auch viel mehr Vögel. Wegen den Käfern.“ Silvio Reinsch

Wenn er jedes zweite Wochenende von Bittkau bei Tangermünde in den Elbauen zum Besuch seiner Eltern nach Kannawurf kommt, frönt Steinmetz Stefan Wagner einem Jugendhobby: Mit dem Feldstecher geht er ins Rieth und beobachtet Tiere. Viele Populationen schätzt er als stabil ein. Andere Tierarten aber, gerade die unscheinbaren, verschwinden. „Es gibt so nen krassen Rückgang an Vögeln und Insekten.“ Seit 2018 sind Silvio Reinsch wie auch Joachim Wolf Mitglieder der Umweltgruppe. „Schwalbenschwänze, kennst du die? Die waren massenhaft da. Schmetterlinge ohne Ende.“ Heute sieht man sie kaum noch. Den Insekten fehlt Nahrung und Lebensraum. Ihr Sterben wiederum wirke sich tödlich auf die Vogelwelt aus, ergänzt Joachim Wolf, der in seiner Tordurchfahrt 104 Schwalbennester hütet: „Ein paar Fasane und Rebhühner laufen noch rum. Aber als stabile Population kann man das nicht mehr bezeichnen. Es fehlen die Deckung durch Gebüsche und unbehandelte Flächen, wo eine Pflanzenvielfalt herrscht. Und vor allem Insekten. Die Jungenaufzucht passiert nur mit Insekten. Wenn da keine da sind, dann ist das erledigt. Wachteln genauso und Feldlerchen.“

Es ist aber keineswegs nur die Landwirtschaft, die zum Verschwinden der Tiere beiträge, betont Silvio Reinsch. Das Ideal der getrimmten Rasen und Zementgärten ist ein Mentalitätsphänomen der heutigen Zeit. „Ist der Rasen ein bisschen hoch, kommt der Gemeindearbeiter und muss daraus nen Englischen machen. Früher hat da keiner gemäht.“ Schon vor Gründung der Kannawurfer Umweltgruppe 2018 waren Joachim Wolf und andere Umweltschützer jahrzehntelang auf der Kannawurfer Streuobstwiese aktiv gewesen. Sie hatten Bäume gepflanzt und gewässert, ein Insektenhotel gebaut und eine Benjeshecke angelegt. Damit Bockkäfer, Käuze oder Spechte, die auf Totholz angewiesen sind, auch Lebensraum und Nahrung finden, lassen sie abgestorbene Bäume stehen. Im Herbst 2019 steckte die Umweltgruppe über 200 neue Weiden auf dem Wipperdamm. Die Landwirtschaft Kannawurf Betriebsgesellschaft mbH half beim Anlegen einer kleinen Blühwiese auf Gemeindeland an der Wipper. Viele Projekte fanden in Kooperation mit dem Künstlerhaus Thüringen statt, darunter der vom Künstlerhaus initiierte Ackerwildkräuterlehrpfad im Frühjahr 2019. Umfangreiche Baum- und Heckenpflanzungen entlang von Feldwegen hat das Künstlerhaus in Kooperation mit lokalen Landwirten bereits begonnen. Die Aktivitäten wirken ins Dorf. Manche Kleingärtner beginnen, in Vorgärten und hinter ihren Häusern Blühwiesen anzulegen.

Welche Rolle spielt Teilhabe?

Als Grundlage einer gelebten Teilhabe gilt die Befähigung, gesellschaftliche Herausforderungen und notwendige Veränderungen zu erkennen und zu verstehen. Akteure rund um das Schloss Kannawurf haben sich von Beginn an dem Thema Nachhaltigkeit angenommen und Projekte initiiert, die unter anderem die Pflanzung von 1.500 Bäumen anstrebt. Die Obstwiese an der Wipper wurde wiederum mit der Umweltgruppe zur Allmende erklärt, gemeinschaftlich gepflegt und beerntet. Und der Dorffunk „Weisser Holunder“ stellte die Neugründung eines Dorfradios dar, in dem z.B. Interviews mit den Bürger:innen über Themen zur Entwicklung der Kulturlandschaft ausgestrahlt wurden.

Das Künstlerhaus Thüringen e.V. inszeniert seit Jahren künstlerische Interventionen in der Gemeinde für eine gelebte Teilhabe an der Land(wirt)schaft und für eine veränderte Landschaftsgestaltung. Unter dem Motto „Ab ins Freie“ baute zum Beispiel der Landschaftskünstler Richard von Gigantikow mitten in der Agrarlandschaft ein Feldtheater. Der Bau und die Bespielung lockten viele Kannawurfer das erste Mal seit Jahrzehnten wieder in die Land(wirt)schaft, die erhöhten Sitzmöglichkeiten boten Aussicht in die Umgebung und den Blick auf ihr Dorf.

Für das Projekt „Ich, in meinem Dorf“ wurden wiederum 100 analoge Einwegkameras an die Bürger:innen verteilt und die Fotografin Frederyke Sauerbrey beauftragte, ihr persönliches Bild von Kannawurf festzuhalten. Es entstand ein authentisches Porträt des Dorfs und der Landschaft, die öffentlich ausgestellt und diskutiert wurden.

Neue Kooperationen haben das Potential, Türen und Fenster zu öffnen. Im Jahr 2017 wurde so gemeinsam mit der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen der IBA-Campus initiiert. 10 Tage lang lebten und arbeiteten Studierende und Professionals gemeinsam auf dem Schloss Kannawurf, um Zukunftsszenarien für eine moderne Kulturlandschaft des 21. Jahrhunderts zu entwickeln. Feldspaziergänge mit Landwirt:innen, große Bürgerrunden und Expertenvorträge sorgten für eine öffentliche Auseinandersetzung mit der Thematik und legten den Grundstein für die zukünftige Kooperation.

Perspektiven vor Ort. Peter Moltmann im Gespräch mit den Kannawurfer:innen

Perspektiven vor Ort. Peter Moltmann im Gespräch mit den Kannawurfer:innen

Peter Moltmann

"Junge Familien sind heute umweltbewusster und leben anders als vor 20 Jahren." Claudia Heiße

Viele Kannawurfer fühlen sich ihrer Heimat verbunden. Inwieweit aber das Leben hier Perspektiven bietet, dazu gibt es verschiedene Ansichten. Die Entwicklung der Infrastruktur, prognostiziert Elisabeth Henfling, wird für die Lebensqualität eine entscheidende Rolle spielen. Eine Schule gibt es seit 1995 jedoch nicht mehr. Seit 2019 ist Kannawurf kein eigenständiges Dorf mehr, sondern Ortsteil der Landgemeinde Kindelbrück. Die Zahlen des Thüringer Landesamts für Statistik zeigen eine stetige Bevölkerungsabnahme des knapp 800 Einwohner zählenden Ortes. Die meisten Kannawurfer, so die Vorausschau, wären dann Rentner.

Die Infrastruktur, sagt Elisabeth Henfling, garantiert nicht nur die grundlegende Versorgung, sondern prägt auch die Gemeinschaft. Ihrem Empfinden nach hat der soziale Zusammenhalt unter dem Schwinden der Infrastruktur gelitten. Dem gegenüber betonen viele den Zusammenhalt, den die Kultur schafft. Für ein Dorf dieser Größe ist Kannawurfs Angebot reich. Das Künstlerhaus Thüringen veranstaltet seit 2007 Konzerte, Theatervorführungen und Galerien, zu denen Besucher auch aus den umliegenden Städten, manchmal sogar aus dem Ausland kommen. Die lokalen Vereine organisieren häufig gemeinsam Dorffeste, Weihnachtsmärkte und Ausstellungen. Landwirte und Unternehmer unterstützen sie mit Räumlichkeiten, Maschinen und Material. Auch die Jobmöglichkeiten haben sich wieder deutlich verbessert. Zwar nicht direkt vor Ort, dafür aber in der Region. Viele Kannawurfer, darunter Silvio Reinsch, Peggy Hessler und Brita Hochheim, sind oder waren Pendler.

Sehr optimistisch ist Caudia Heiße, geboren 1970, die Leiterin der Kannawurfer KITA. Trotz des allgemeinen Bevölkerungsrückgangs verzeichnet das Zwergenland seit 6 Jahren wachsende Einwohnerzahlen. „Ich denke, Kannawurf ist lukrativ. Viele Vereine, Leben im Dorf, das Schloss, Umweltschutz und viele Häuser, die nie lange leer stehen. Ich habe viele positive Reaktionen zu verschiedenen Projekten der Umweltgruppe gehört. Die Müllsammelaktionen sind gut angekommen bei den jungen Leuten und auch die Streuobstwiese mit dem Insektenhotel.“ Die Kindergärtnerin, die jeden Tag aus Schillingstedt pendelt, träumt von einem Mehrgenerationenhaus in Kannawurf, wo Kita, Schule und betreutes Wohnen in einem Gebäude stattfinden.

Ökonomie: Zukunft
Ökonomie

Neues überbetriebliches Fruchtfolgenmanagement

Wie sich Agrarunternehmen auf eine klimagerechte Landwirtschaft bei gleichzeitiger Stärkung der regionalen Wertschöpfung umstellen könnten, wurde im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen untersucht. Für die Agrarflächen der Landwirtschaft Kannawurf Betriebsgesellschaft mbH und der agrar-GmbH Oldisleben auf der Gemarkung Kannawurf ist gemeinsam mit der IBA Thüringen und dem Künstlerhaus Thüringen e. V. dazu eine Machbarkeitsstudie durch die Green4Cities GmbH erstellt worden. Im Ergebnis entstand für 1.500 Hektar Acker das Leitbild ›Klimalandschaftstypologien mit überbetrieblichem Fruchtfolgenmanagement‹.

Fruchtfolgen
Green4Cities GmbH

Das überbetriebliche Fruchtfolgenmanagement basiert auf einer regionalen Kooperation – und zwar zwischen verschiedenen Landwirt:innen untereinander sowie den lokalen Verarbeitungsfirmen. Das Prinzip des abgesprochenen Fruchtwechsels findet sich schon in der historischen Form des Gewanndorfs aus dem 12. Jahrhundert. Dabei wurde mittels Flurzwang die gesamte Ackerfläche einer Dorfgemeinschaft in mindestens drei große zusammenhängende Felder, sogenannte Zelgen, unterteilt. Jeweils wechselnd wurden sie mit Winter- oder Sommergetreide bestellt, zur Pausierung ein Brachenjahr eingelegt und ab dem 17. Jahrhundert Rüben oder Kartoffeln angebaut. Diese Zelgen wurden wiederum in etwa gleich große Gewannflure parzelliert, von denen jeweils mindestens drei von einem Hof bewirtschaftet wurden - immer in Absprache mit den benachbarten Höfen. Ziel war damals, keinem Hof einen Wettbewerbsvorteil über die Aussaat ertragreichere Fruchtsorten oder frühere Erntezeiten zu ermöglichen.